Effektive Honorarsteigerungen: Wie ein Faktorbuch für mehr Gerechtigkeit sorgen soll

Erläuterungen zum Vorschlag der Gewerkschaften
11.06.2024

Im bisherigen Honorarrahmen sind lediglich Mindesthonorare vereinbart. Diese stellen das unterste legale Honorar dar und sind nicht in jedem Fall eine adäquate Bezahlung. Redaktionen, die besonders auf Freie mit viel Erfahrung, guten Quellen oder fundiertem Fachwissen angewiesen sind, vergüten häufig besser. Bei etwa 60 % der Honorarzahlungen ist das der Fall. Das führt zu einem Problem bei Tariferhöhungen. Wenn im Tarifvertrag ein Mindesthonorar von bspw. 100 € vereinbart ist, steigt bei einer tariflichen Honorarerhöhung nur dieses Mindesthonorar. Hat eine Redaktion regelmäßig 145 € gezahlt, kann sie diesen Betrag weiterhin ansetzen, selbst wenn das Mindesthonorar bspw. auf 106,30 € steigt, da 145 € immer noch darüber liegen. Ein Inflationsausgleich muss dann nicht gezahlt werden. Viele Freie erleben das seit Jahrzehnten.

Der WDR hat heute erneut zugesagt, dass künftig die effektiven Honorare bei jeder Tarifrunde steigen sollen. Einen Vorschlag, wie dies transparent und verbindlich umgesetzt werden kann, gab es bisher nicht. In der heutigen Verhandlungsrunde ging es ausschließlich um diese Frage: Wie kann ein System aussehen, in dem künftig jedes Honorar von tariflichen Erhöhungen profitiert?

Die Gewerkschaften brachten heute folgenden Vorschlag ein: Bei jedem bisher regelmäßig gezahlten Honorar wird der Abstand zum Mindesthonorar in einem Faktor ausgedrückt. Für die Redaktion aus unserem Beispiel sieht das wie folgt aus:

Mindesthonorar: 100 €
Tatsächlich regelmäßig gezahltes Honorar: 145 €
Der errechnete Faktor lautet: 1,45
Die so errechneten Faktoren werden zwischen den Tarifparteien vereinbart, in einem Faktorbuch niedergeschrieben und veröffentlicht.

Wenn es wie im Beispiel zu einer Honorarsteigerung des Mindesthonorars auf 106,30 € kommt, wird dieses neue Mindesthonorar mit dem Faktor 1,45 multipliziert. Das tatsächliche Honorar beträgt künftig 154,14 €, ist also um genau den gleichen Prozentsatz gestiegen wie das Mindesthonorar.

Freie können mit einem Blick ins Faktorbuch schnell erkennen, welche Redaktion wie gut bezahlt und welche weniger gut. Das Faktorbuch soll – so der Vorschlag – jedes Jahr angepasst werden, beispielsweise, wenn neue Formate eingeführt werden. Dazu haben die Gewerkschaften ein verbindliches Verfahren vorgeschlagen. So bleibt der Honorarrahmen immer aktuell.