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Kompetent und unabhängig (müssten sie sein)

Kompetent und unabhängig (müssten sie sein)

Was macht eigentlich der Rundfunkrat - diese Frage kommt immer wieder, wenn es wegen des Programms in der Öffentlichkeit kracht oder wenn Petitionen und offene Briefe zum Erhalt von Literatursendungen oder Stichtag/Zeitzeichen geschrieben werden. Vorangegangen ist meistens offenes Unverständnis oder verdeckter Ärger in der Belegschaft und spätestens, wenn das ganze öffentlich skandalisiert wird, fragen Kolleg*innen: Warum haut der Rundfunkrat nicht mal auf den Tisch?

Foto zum Interw. RR Prof. Norbert Schneider Prof. Norbert Schneider

Prof. Norbert Schneider kennt das Mediengeschäft aus allen Perspektiven. Von 1981 bis 1986 war er Direktor für Hörfunk und Fernsehen beim Sender Freies Berlin. Danach übernahm er die Geschäftsführung der Allianz-Film GmbH Berlin, einer Tochter der WAZ-Zeitungsgruppe, wo er sich mit der Entwicklung von Stoffen für Spielfilme, Fernsehspiele, Serien und deren Produktion befasste. 1993 wurde er zum Direktor der Landesanstalt für Rundfunk NRW gewählt, die später zur Landesanstalt für Medien (LfM) wurde. Während seiner siebenjährigen Amtszeit beaufsichtigte er den Privatfunk in NRW und betrieb Medienforschung.
Norbert Schneider verfasste zahlreiche Publikationen, z.B. "Frisierte Bilder, getrübter Augenschein: Medienethik zwischen Qualität und Quote" und er schreibt Artikel zu aktuellen Medienthemen, wie z.B. Digitalisierung und zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

 

 

 Wir haben Prof. Norbert Schneider anhand der jüngsten Debatten gefragt, welche Macht der Rundfunkrat hat.

 

"Hinbringen, nicht abholen", das war die Forderung von Prof. Rollberg an den WDR/ÖRR im letzten Interview. Welche Forderung würde Ihnen für das heutige Interview passend erscheinen?

Wenn wir, wie vorgesehen, über die Gremien reden, dann hieße mein Titel "kompetent und unabhängig (müssten sie sein)". 

Zum Einstieg drei Textauszüge aus einem Artikel von Hartmut Welscher zur Zukunft des Kulturradios beim WDR und rbb:

  •  Eine "schlicht gesprochene Sprache« könne ... dabei helfen, "vielen Inhalten die Schwere zu nehmen".
  • "Unsere Einwände, dass es durchaus Leute gibt, die wissen möchten, was sie hören und wer es gerade spielt oder dirigiert, werden abgebügelt", so ein WDR-Moderator. (Antwort:) "Niemand höre Radio wegen der Interpretation oder wegen der Entstehungszeit eines Stücks."
  • Laut rbb braucht ... niemand "die Vornamen der Beethovens und Mozarts dringend." Man sei schließlich kein "Pflanzenbestimmungsbuch". https://van.atavist.com/wechselhoerer

Was fällt Ihnen zu so einer Herangehensweise ans Programm ein?

Das Publikum wird unterschätzt. Es wird infantilisiert. Oben ist der Sender, unten der Empfänger. Das ist Rundfunk aus der Steinzeit. Das ist eine Art von oben nach unten, die nicht mehr zeitgemäß ist, die aber offenbar zurückkehrt.

Es ist nicht Sache eines Rundfunksenders darüber zu befinden, was das Publikum versteht und was es nicht versteht. Wer das meint, der hat selbst nicht verstanden, was seine Aufgabe ist. Für einen ÖRR gibt es nicht zwei Klassen, nach dem Motto "Wir hier oben und ihr dort unten".

Die Sender sagen aber: so holen wir das Publikum ab, da wo es ist. Aber Sie glauben nicht, dass es dort steht?

 „Auf der einen Seite ist das Publikum, und auf der anderen Seite sind wir. Und wir holen das Publikum zu uns rüber“ - das ist eine in jeder Hinsicht hierarchische Vorstellung, die an dem tatsächlichen Verhältnis der Kommunikationsteilnehmer*innen vorbeigeht. Das Publikum ist nicht ein geschlossener Block. Man trifft vielmehr auf die unterschiedlichsten Biografien, Meinungen, Positionen und Haltungen. Es ist nicht Sache eines Rundfunksenders darüber zu befinden, was das Publikum versteht und was es nicht versteht. Wer das meint, der hat selbst nicht verstanden, was seine Aufgabe ist. Für einen ÖRR gibt es nicht zwei Klassen, nach dem Motto "Wir hier oben und ihr dort unten". Redakteure sind keine Missionare, denen man glauben muss, was sie sagen. Redakteur*innen sind nicht grundsätzlich klüger als ihre Hörer*innen oder Zuschauer*innen. Eine Kluft zwischen diesen beiden als Ausgangspunkt für Kommunikation anzunehmen, folgt dem Gedanken der Mission.

Wenn man manchen Hierarch*innen in der ARD zuhört, dann sprechen sie nicht mehr von Rundfunkanstalten, sondern von Unternehmen. So als wäre das Programm eine Ware, die sie verkaufen müssten, vielleicht trägt das zu der von Ihnen beschriebenen Haltung bei. Doch wem gehören die Rundfunkanstalten wirklich?

Die Grundidee ist einerseits ganz klar, andererseits ziemlich unbekannt. Unsere Gesellschaft leistet sich einen ÖRR. Er gehört dieser Gesellschaft, denen, die diesen Rundfunk mit ihren Haushaltsabgaben finanzieren. Leider weiß die Gesellschaft das nicht. Oder jedenfalls nicht gut genug. Der Privatfunk gehört seinen Eigentümern. Die wollen mit der Hilfe von Werbung Gewinne erzielen. Und dafür brauchen sie ein möglichst großes Publikum. Was wir seit der Einführung des Privatfunks Mitte der 1980er Jahre erleben, ist eine schleichende „Privatisierung“ des ÖRR. Der Treiber dieser Entwicklung ist die Quote als oberstes Kriterium für Erfolg. Es geht primär um Quantitäten. Wenn die jeweils größtmögliche Menge an Publikum das Ziel ist, hat man das Grundprinzip eines öffentlich-rechtlichen Programms, nämlich eine größtmögliche Vielfalt, aus dem Blick verloren. Dann befindet man sich in einem zwar gemeinschaftlich finanzierten „Unternehmen“, das sich aber an wirtschaftlichen Kriterien ausrichtet. Wenn etwa ein Sender wie der rbb nicht nur mit der etwas gefühligen Annonce wirbt „Wir lieben das Warum“, sondern auch mit der Devise „Bloß nicht langweilen“, dann klingt das für mich nach Unterhaltung um jeden Preis – für ein möglichst großes Publikum. Was langsam ist, ist per se auch langweilig. Unter einem Brennpunkt für das brandaktuell Neue (das dann meistens so neu gar nicht ist) geht es nicht, und schon gar nicht geht etwa ein Dokumentarfilm oder ein Feature in der Hauptsendezeit, Formate, deren Autoren sich Zeit nehmen können, um etwa einem Einzelschicksal nachzugehen. Oder einer Entscheidung wie dem Einkauf von Impfstoff oder Schnelltests. Doch was wir hören und sehen, ist Tempo, der rasche Wechsel, von Personen, von Orten, von Positionen, der schnelle Schnitt. Manche Hühner gackern schon, bevor ein Ei zu sehen ist. So entsteht ein Häppchenprogramm, getrieben von der Sorge, die Zuschauenden könnten abschalten, würden sich gelangweilt abwenden. Es muss dauernd was los sein, es muss immer etwas Neues sein. Und eine solche Zielvorstellung macht eben nur dann Sinn, wenn man jederzeit ein möglichst großes Publikum adressieren möchte. Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk müsste dagegen halten, für Verlangsamung sorgen, für eine Beruhigung der Informationslage durch bedächtiges Analysieren. Er könnte sich, weil er nicht das jeweils größte Publikum braucht, auf das Relevante konzentrieren, auf das Sortieren von Nachrichten nach Relevanz.

Es gibt Aufsichtsgremien, wie zum Beispiel den Rundfunkrat. Müsste der nicht einschreiten, wenn die ÖRR sich in die Privatfunkrichtung entwickeln?

Der Rundfunkrat ist ein Organ des Senders. Das macht Kontrolle nicht gerade einfach. Oft gibt es zu viel Nähe zwischen den Organen. Es wird nicht klar, ob es sich um ein Organ des Publikums oder des Senders handelt. Und es gibt ein großes Kompetenzgefälle zwischen der Leitung eines Hauses und dem Rundfunkrat. Der Sender ist viel kompetenter als diejenigen, die ihn kontrollieren. Ein kluger Intendant wird das beachten. Er wird nie Konflikte mit seinem Rundfunkrat haben, weil er dem Rundfunkrat das Gefühl vermitteln wird, dass er, der Rundfunkrat, die Nummer 1 ist. Und dass er, der Intendant, der Diener des Rundfunkrates ist. In Wirklichkeit ist es überwiegend umgekehrt.

Und darauf soll der Rundfunkrat reinfallen?

Lebenslügen sind nicht immer nur unnütz. Es gibt welche, die braucht man einfach, etwa eine solche: Ich weiß, dass jemand weiß, dass ich weiß, was er nicht weiß. Aber ich rede darüber nicht. Probleme, die man nicht lösen kann, sollte man verschwinden lassen. 

Im WDR-Rundfunkrat gab es eine heftige Debatte um die Abschaffung des original "Stichtags". Zum Schluss hat der Rundfunkrat dem zugestimmt. Hätte er nicht nein sagen können oder müssen?

Das, was einen Sender ausmacht, sind weniger solche einzelnen Sendungen, die mal daneben liegen oder die abgeschafft werden sollen, sondern der Charakter eines Senders, sein Image, sein Ruf setzt sich aus vielen Programmen zusammen. Und das, was da im Sender drinnen als Grundhaltung existiert, das ist das, was ein Rundfunkrat nicht einfach „kontrollieren“ kann, eben bis auf die großen Ausreißer. Er wird erst tätig, wenn es hörbar Krach oder eine schlechte Presse gegeben hat, wie z.B. zum "Stichtag" oder zur Sendung "Die letzte Instanz". Man wird es eher selten erleben, dass ein Rundfunkrat von sich aus das Programm „skandalisiert“. Die Frage ist ja auch, ob ein Rundfunkrat, so, wie er arbeiten muss, dazu in der Lage ist. Der deutsche Rundfunk ist in den Nachkriegsjahren eingerichtet worden und in wesentlichen Punkten bis zum heutigen Tag fast unverändert derselbe. Da ist die Idee nicht abwegig, man tritt niemand zu nahe mit der Forderung, dass eine Reform fällig ist. Auch eine Reform der Aufsicht. Die Aufsicht kann nicht mehr ungefähr so stattfinden wie vor 70 Jahren. Damals gab es ein Programm und eine Technologie, da gab unumstößliche juristische Rahmenbedingungen, die jeder kennen konnte. Es war ein Rundfunk, der sich in nahezu allen Punkten vom Rundfunk der Nazizeit unterschieden hat. Etwa dadurch, dass er föderal organisiert wurde, dass er, obwohl föderal organisiert, ein zentrales Medium war, das Kultur produziert und Kultur verbreitet hat. Unter den Redakteuren waren bekannte Schriftsteller wie Martin Walser, Alfred Andersch oder Helmut Heißenbüttel. Und Mitglied in einem Rundfunkrat sein zu dürfen war ein nobile officium, ein klassisches Ehrenamt. Das ist es heute noch, obwohl der Rundfunk sich wesentlich verändert hat.

Was müsste anders werden, damit Rundfunkräte ihrer Aufgabe gerecht werden können? 

Mitglied eines Rundfunkrates zu sein muss eigentlich ein Beruf werden. Es muss von dem Objekt, das er/sie kontrolliert, sehr, sehr viel Ahnung haben. Im Grunde genommen genauso viel wie die professionellen Akteure. Rundfunkrät*innen müssten (wie etwa auch Redakteure) kontinuierlich geschult werden. Mit Blick auf konkurrierende Technologien. Mit Blick auf Rechtsbereiche wie Urheberrecht, Datenschutz, Verbraucherschutz. Mit Blick auf die Daten der empirischen Sozialforschung. Mit Blick auf die Tendenzen des Kunst-und Kulturbetriebs. Man muss das Programm dauernd beobachten, man muss die Zeit dafür haben. Die Kontrolleur*innen müssen mit dem Kontrollierten auf einem Kenntnisstand sein. Das alles neben einem Hauptberuf zu leisten ist unter den heutigen Rahmenbedingungen eine Überforderung. Intendant*innen und Direktor*innen sind mittendrin im Geschehen, für die sind z.B. Urheberrecht oder Ausspielwege alltägliche Themen. Ein*e Rundfunkrat*in muss sich das mühsam aneignen und ist im Grunde immer auf die Zuarbeit des Hauses angewiesen. Es gab Vorschläge für Reformen. 1994 hat die Mahrenholz-Kommission vorgeschlagen, in Deutschland einen Medienrat einzuführen, ein kleines Gremium von Fachleuten, wie es etwa die Wirtschaftsweisen bilden, die jedes Jahr ein Gutachten abgeben. Das ist damals nicht verwirklicht worden. Vielleicht ginge das heute. Die Konkurrenz für den ÖRR durch Internetplattformen und die Privaten ist so stark, dass der Rundfunkrat auch diese Konkurrenz gut kennen muss. Aufsichtsgremien müssen z.B. wissen: Wie ist das aktuelle Urheberrecht? Das können Rundfunkrät*innen der klassischen Art eigentlich kaum schultern. Hier ist dringender Reformbedarf.

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