ver.di Senderverband WDR

Hinbringen, nicht abholen

Hinbringen, nicht abholen

Das WDR Programm kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus, öffentlicher Protest gegen die mögliche Abschaffung von Stichtag und Zeitzeichen, die geplante Änderung bei der Literaturkritik auf WDR3 und jede Menge Empörung wegen der Fernsehsendung „Die letzte Instanz“. Ein Grund für die Protestwellen sieht Prof. Sabine Rollberg in der Programmphilosophie, man müsse „die Menschen abholen“ oder ihre „Bedürfnisse befriedigen“. Das könne man gar nicht, denn die Zielgruppe „Mitte der Gesellschaft“ gebe es nicht mehr, die Gesellschaft sei diverser aufgestellt, als vor 20 Jahren. Verschärfend käme hinzu, dass der WDR sehr hierarchisch aufgestellt sei und abweichende Meinungen der Belegschaft nicht hören wolle:

WDR, Personalrat, Sabine Rollberg Prof. Dr. Sabine Rollberg

ver.di: Drei Skandale hintereinander, Stichtag, Literaturkritik und letzte Instanz. Davor: Omagate, Menschen Hautnah und Hart aber Fair mit „Gendergaga“. Klingt viel, aber gab es nicht immer schon öffentliche Diskussionen um unser Programm?

Rollberg: Ja, aber anders. Als Holocaust Ende der 1970er Jahre vom WDR federführend programmiert wurde, ist der BR ausgestiegen. Das war eine Riesendiskussion auch in der Öffentlichkeit. Am 1. Mai 1985 gab es den Skandal um die „Mai-Revue“ wo Reagan, Kohl und der Besuch bei den SS Gräbern in Bitburg karikiert wurden. 1990 gab es den ersten schwulen Kuss in der „Lindenstraße“. Diese Skandale wurden aber immer vom Sender begleitet und von den Intellektuellen des Landes getragen und diskutiert. Der WDR wurde als Vektor und Vorreiter für eine gesellschaftspolitische Entwicklung diskutiert, das heißt, man ist in eine Tabuzone gegangen, wo eine gesellschaftliche Entwicklung in dieser Richtung dann oft nachfolgte. Ich finde, spätestens mit Omagate hat irgendwas anderes angefangen. Man will im WDR nicht mehr diese intellektuelle Vorhut sein. Man sucht den Mainstream. Diese Maßgabe „wir holen Leute ab“ bedeutet in der Folge „wir bringen Leute nicht mehr irgendwohin“. Wenn man so denkt, verharrt man im Status quo und zementiert einen gewissen Bodensatz an Stammtischmeinungen. So eine Sendung, wie „Die letzte Instanz“ ist der beste Beweis dafür oder auch „Gendergaga“ bei Hart aber fair. Da sitzen Leute von gestern, die meinen populär zu sein, die über etwas reden, von dem sie keine Ahnung haben. Den aktuellen Skandal empfinde ich als Ausdruck einer gewissen Zurückgebliebenheit. Die früheren Skandale haben, in meiner Wahrnehmung, dazu beigetragen, dass ein Samen gelegt wurde für eine in die Zukunft weisende Diskussion.

ver.di: Welche Rolle spielt der Quotendruck?

Rollberg: Es heißt: Am Anfang war das Wort und nicht am Anfang war die Zahl. Und im Fernsehen ist es nur noch die Zahl, die zählt. Das heißt, früher waren Diskussionen über Dramaturgie, über Substanz von Sendungen, über inhaltliche Punkte in einer Redaktionskonferenz gang und gäbe. Meine letzten 10 Jahre im WDR waren nur von Zahlen bestimmt, d.h. es war eine rein quantitative Diskussion. Programm war gut, wenn es eine gute Quote hatte und Programm war schlecht, wenn die Quote niedrig war. Kolleg*innen, die weiterhin den Inhalt zur Richtschnur machen wollten, wurde vorgeworfen, dass sie rückwärtsgewandt seien und nur Programm „für ihre akademischen Freunde“ machen würden. Damit fing auch eine Verachtung von Bildung und Intellekt an. Das macht mich sehr traurig, denn gebildet zu sein heißt nicht, dass man elitär sein muss. Journalist*innen sollen ja gerade Brücken aus der Kultur, der Wissenschaft oder der Politik in die Gesellschaft bauen. Heute denkt man im WDR, dass das Publikum zu dumm ist, bestimmte Dinge zu begreifen, das empfinde ich als arrogant. Also sendet man zum Thema Rassismus einen FS-Stammtisch anstatt etwas, das das Thema in seinen Facetten den Menschen verständlich macht und näher bringt. Ähnlich verhält es sich im Hörfunk. Das ist mutlos und ohne Innovationsgeist. Und dann kommt noch dazu, dass man die Fachredakteur*innen nicht mehr wollte, sondern Generalist*innen. Ein*e Fachredakteur*in kann sich viel mehr gegen hierarchische Eingriffe oder Bevormundung wehren, und das ist wichtig für gutes Programm.

Prof. Sabine Rollberg

Prof. Sabine Rollberg unterrichtet Journalismus und Dokumentarfilm an der Uni Freiburg. Sie kam 1980 in den WDR, war dort FS Redakteurin, dann Arte-Chefredakteurin und bis Ende 2017 Arte Beauftragte. Für ihre Dokus wurde die mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Sabine Rollberg ist Ver.di Mitglied.


ver.di:
Die Fixierung auf die Quote wird damit gerechtfertigt, dass man ohne gute Quote die Existenzberechtigung verliere. Droht die Politik tatsächlich mit „Quote oder Untergang“?

Rollberg: Die Diskussion fing schon unter Fritz Pleitgen an. Ich habe ihn damals gefragt, wer konkret hat gesagt, wir müssten Quote machen. Pleitgen konnte darauf keine Antwort geben. Ich weiß natürlich nicht, was in Hinterzimmern geredet wird. Ich kenne aber verschiedene Minister in den Landesregierungen, die für Medien zuständig sind. Die haben mir versichert, sie kämen gar nicht auf die Idee eine Quote einzufordern. Ich weiß nicht, wem man da glauben soll, aber mir persönlich erschien das immer sehr überzeugend. Ich glaube auch, wenn Politiker*innen eine Quote fordern würden, würde das mit Sicherheit nach außen getragen und skandalisiert werden. Ich glaube, da wird ein Popanz vor uns hergetragen und dafür verscherbeln wir unser Tafelsilber. Wir schieben das, was wertvoll und substanziell ist, an die Ränder, in die Nischen oder in die Nacht oder schaffen es komplett ab. Quote machen, das müssen die Privaten, weil sie auf die Werbeeinnahmen angewiesen sind. Wir bekommen Beiträge und sollten damit unseren Programmauftrag als Richtschnur haben.

ver.di: Spielt bei dem „Letzte Instanz“ Skandal auch die Auslagerung an eine Produktionsgesellschaft eine Rolle?

Rollberg: Die meisten Sendungen dieser Art sind inzwischen ausgelagert. Ich finde das zweischneidig. Als Redakteur*in nimmt man den Film nur noch ab, aber man ist nicht mehr richtig involviert in die Sache. Die Produktionsfirmen haben eigene Redaktionen. Für sie ist es überlebenswichtig weiter Aufträge zu bekommen, deswegen können sie nicht wagemutig sein. Denn wenn hinterher etwas keine Quote hat, sind sie weg vom Fenster, die stehen tatsächlich unter Quotendruck. Diese freien Firmen unterstellen einen bestimmten Geschmack in den einzelnen Häusern und versuchen den zu bedienen. Das ist aber nicht der Sinn der Sache, denn eigentlich sind WDR-Redakteur*innen fest angestellt, um aus dieser materiellen Sicherheit heraus kreativ, innovativ und nicht erpressbar zu sein. Durch die Auslagerung der Produktionen wird das alles nach außen delegiert. Die Produktionsfirmen sind aber in großer Abhängigkeit vom WDR. Das halte ich für einen gefährlichen Kreislauf, der aus dem Fernsehen eine Wüste macht und das sollte auch eine Warnung an den Hörfunk sein.

ver.di: Was könnte der WDR besser machen?

Rollberg: Der WDR muss alle Bevölkerungsgruppen wahrnehmen und abbilden. Man muss dieses Provinzdenken, dass der gemeine Nordrheinwestfale sich nur für das interessiert, was in NRW passiert, überwinden. In einer globalisierten Welt ist es absurd, so etwas den Leuten zu unterstellen. Die Menschen reisen um die ganze Welt, zoomen und sind vernetzt über youtube etc. - und der WDR tut immer noch so, als könne man keine Reportage über Peru machen, ohne einen NRW Bezug herzustellen. Der WDR will die Leute immer abholen, wo sie vermeintlich sind, aber die Leute sind oft schon wo ganz anders. Das Bild, das in den Köpfen vieler Programmacher*innen verankert ist, trifft meines Erachtens auch nicht den soziologischen Befund der BRD. Viel mehr Leute machen heute Abitur, viel mehr Leute gehen an die Unis, viel mehr Leute haben heute – auch ohne Abitur – einen ganz anderen (Aus-) Bildungsgrad. Ich erwarte da von Journalist*innen, dass sie das Ohr am Puls der Zeit haben. Das muss man ihnen aber auch ermöglichen, man muss sie rausschicken. Die Hierarchie muss aufhören, die Redakteur*innen im Sender unter Kontrolle haben zu wollen.

ver.di: Was sagen eigentlich deine Studierenden zu den Turbulenzen im WDR?

Rollberg: Wenig. Erstmal ist Freiburg nicht mehr im Sendegebiet des WDR und zweitens ist das nicht mehr das Publikum, das ÖRR guckt. Die sind im Internet unterwegs, die gucken sich viele Dokumentarfilme auf Vice oder Netflix an, entdecken auch Arte. Natürlich kriegen sie das mit, was da gerade passiert und das, was sie darüber hören, stößt bei dieser Generation auf ein noch größeres Befremden als bei der älteren Generation. Denn für die Jungen – egal ob Studi oder Azubi - ist eine Gesellschaft mit Migrationshintergrund gelebtes Leben und Alltag. Für den WDR ist das immer noch was Besonderes und eine Ausnahme. Also das heißt, diese Generation, die man ja eigentlich erreichen will, ist da ganz anders aufgestellt, als der WDR sich die Menschen vorstellt. Deswegen kann er sie auch nirgendwo „abholen“ sondern muss ihnen was bieten.

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